Sonnencreme statt Stoff, Klingel statt Kleiderordnung: Bei der ersten „World Naked Bike Ride“ in Berlin zeigten hunderte Teilnehmer am Sonntag mehr Haut als Lack am Lenker. Rund 33 Kilometer ging es quer durch die Hauptstadt – vorbei am Kanzleramt, dem Reichstag und jeder Menge staunender Passanten. Was steckt hinter der schrillen Premiere, und wie hat sich sogar eine BILD-Reporterin mitten unter die Nackten gewagt?

Sonntagvormittag, Mauerpark, gefühlte 30 Grad im Schatten – und mittendrin ein Megaphon-Ansager, der ruft: „Hose bitte noch bis mindestens 10.30 Uhr anlassen!“ Mit diesem denkwürdigen Satz eröffnete Initiator Ralf Sprenger (58) Berlins ersten „World Naked Bike Ride“. Laut Polizei nahmen rund 500 Menschen teil, die Veranstalter und teilnehmende Medien sprachen sogar von bis zu 700 Radlerinnen und Radlern. Fest steht: Es war eine Demo der besonderen Art, bei der sich Hüllen statt Transparente in Luft auflösten.
Motto: „Bare as you dare“
Nackt, halbnackt oder doch lieber mit Höschen? Den Teilnehmenden war es selbst überlassen, wie viel Stoff sie tragen wollten. Das Motto der Veranstalter brachte es auf den Punkt: „Bare as you dare“ – so nackt, wie man sich eben traut. Manche entschieden sich für komplette Freikörperkultur, andere behielten Helm, Socken oder Sonnenbrille an. Eine Teilnehmerin aus Aschaffenburg etwa gestand, bis kurz vor dem Start nicht gewusst zu haben, was sie ausziehen würde – am Ende radelte sie oben ohne durch die Stadt. „In Aschaffenburg würde ich das niemals machen“, sagte sie. In Berlin ging es offenbar leichter.

Eine Reporterin unter 700 Nackten
Auch eine BILD-Reporterin ließ sich die Premiere nicht entgehen – blieb dabei aber bekleidet. Kurze Hose, Top, lockeres Hemd: Mit dieser Wahl fiel sie inmitten der überwiegend nackten Menge selbst am meisten auf. „Hier bin ich diejenige, die aus der Reihe fällt“, notierte sie überrascht, nachdem ihr ein nackter Teilnehmer wohlwollend hinterhergeblickt hatte. Für sie war es eine ungewohnte Rollenverkehrung: Statt zu beobachten, wurde sie selbst zum Blickfang.
Route mitten durchs Regierungsviertel
Gestartet im Mauerpark, führte die gut 30 Kilometer lange Strecke entlang des Berliner Mauerwegs bis nach Schönefeld – und mittendurch: das Regierungsviertel. Wer an diesem Sonntag zufällig am Kanzleramt oder Reichstag vorbeikam, dürfte sich verwundert die Augen gerieben haben, als hunderte nackte Radlerinnen und Radler an den Wahrzeichen der Republik vorbeizogen. Passanten blieben stehen, filmten, fotografierten – Reaktionen, mit denen die Veranstalter fest gerechnet hatten.
Toleranz, Selbstliebe und ein Seitenhieb an Verunsicherte
Den Organisatoren ging es nicht ums bloße Nacktsein, sondern um eine Botschaft: Toleranz, Selbstakzeptanz, Naturverbundenheit sowie Umweltschutz und Inklusion. „Unsere Demonstration wird zeigen, dass Nacktheit und Sexualität nicht zwangsläufig zusammengehören“, erklärte Sprenger. Wer sich am Anblick störe, könne ja „der Blume am Wegesrand kurz mehr Aufmerksamkeit schenken“, fügte er trocken hinzu. Die Veranstalter wollten außerdem ein altbekanntes FKK-Motto modernisieren: Statt reiner Gleichheit im Nacktsein stehe heute die Vielfalt der Körper im Mittelpunkt.
Zwischen Mut und Muffensausen
Nicht alle Teilnehmenden gingen die Sache gelassen an. Ein 23-jähriger Radler aus Nürnberg etwa nahm zwar nackt teil, schützte sich aber mit Sturmhaube und Socken – aus Sorge um seinen Job in der Finanzbranche. Ein Ingenieur aus Frankfurt berichtete dagegen, wie schnell die anfängliche Nervosität verflog, sobald er unter Gleichgesinnten war: „Ich demonstriere für Normalität“, sagte er – seinen Freunden hatte er von der Teilnahme erzählt, seiner Familie lieber noch nicht. Ein Münchener Rechtsanwalt (71) brachte es dagegen philosophisch auf den Punkt: „Scham ist nur anerzogen.“
Werbung für eine schrumpfende Bewegung
Hinter der schrillen Aktion steckt auch ein handfestes Anliegen: Naturisten-Vereine in Deutschland verzeichnen laut den Veranstaltern seit Jahren einen deutlichen Mitgliederschwund. Mit der Nacktfahrrad-Demo wollten sie nicht nur ein Zeichen für Körperfreiheit setzen, sondern auch neue Anhänger für ihre Bewegung gewinnen. Ob aus dem sonnigen Ausflug durchs Regierungsviertel eine feste Berliner Tradition wird, bleibt abzuwarten – Gesprächsstoff hat die Premiere jedenfalls reichlich geliefert.